Der Quatsch mit der Futterkrippe

Ich liebe Weihnachten.

Anlass zum Innehalten, Anlass, mich auf mein großes Vorbild, Jesus von Nazareth, zu besinnen.

Ich liebe auch die Weihnachtsgeschichte.

Eine schwangere junge Frau in Begleitung eines Mannes, der nicht der Vater ist und sie dennoch gewählt, sie wohl gerettet hat, sie, die in der gesellschaftlichen Situation damals mit einem unehelichen Kind verloren gewesen wäre.

Joseph, als Zimmermann einem wohlhabenden und angesehenen Stand angehörig, hat mit dieser Verlobung mutmaßlich ebenfalls einiges an übler Nachrede auf sich genommen.

Ich möchte echte Liebe in dieser jungen Familie vermuten.

Wie wir längst wissen, ist das eine wesentliche Voraussetzung für das geistige Wachstum eines Kindes: Je geborgener und bedingungslos angenommener ein Mensch aufwächst, desto besser können sich die Gehirnareale entwickeln, die für Liebe, Empathie und Transzendenz zuständig sind. Wie es Joseph Ch. Pearce in seinem sehr lesenswerten Werk Biologie der Transzendenz ausdrückt: „Die Natur fragt jedes Mal (d.h. nach Zeugung und Geburt eines neuen Menschen, Anm. von mir): Können wir uns dieses Mal entfalten oder müssen wir uns wieder verteidigen?“

Je früher die wesentlichen Bedürfnisse eines Kindes nach Sicherheit verletzt werden, umso nachhaltiger sind die Beeinträchtigungen für seine geistige Entwicklung. Die Bedeutung des ununterbrochenen Kontaktes zur Mutter in den ersten Monaten nach der Geburt kann gar nicht unterschätzt werden. Sehr plausibel erklärt dies auch Carlos Gonzales in In Liebe wachsen.

Unsere komfortable Situation, dass wir uns sicher sein können, dass unserem schutzlosen Baby im Nebenzimmer oder auch nur im getrennten Bettchen in mehreren Stunden Einsamkeit nichts Lebensbedrohliches passieren wird, ist menschheitsgeschichtlich ganz neu. Das Baby kann sich dieser Sicherheit nicht bewusst sein. Die Unsitte des Weglegens von Babys in Kinderwagen und eigene Betten ist noch neuer.

An einer Stelle stößt meine geliebte Weihnachtsgeschichte folglich auf Widerstand bei mir: „Weil es in dem ärmlichen Stall kein Bettchen für das Jesuskind gab, musste Maria es in eine Futterkrippe legen.“

Eine Frau zu jener Zeit hat ihr Kind mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit in einem fremden Stall nicht weggelegt. Insbesondere wird dies nicht ausgerechnet Jesus widerfahren sein, nach dem Wenigen zu schließen, was wir über seine Weisheit doch aus den vielfach verfälschten Dokumenten noch entnehmen können.

Julia hat letztes Jahr zu Weihnachten aus Ton ein Krippenarrangement geformt. Ohne sich (wie sie sagt) dessen bewusst zu sein, hat sie das Jesuskind intuitiv auf Marias Arm, an ihrer Brust platziert. Die Futterkrippe sei entstanden, weil sie „eben immer dabei ist“ – nur enthält sie eben kein Baby!

Julias getonte Krippe (3)

Wie siehst du das?

9 Replies to “Der Quatsch mit der Futterkrippe”

  1. Lieber Benedikt, die Info mit dem Übersetzungsfehler habe ich von einer Freundin, die Theologie studiert, habe im Netz mal geschaut und einige Predigten gefunden, z.B. hier:
    http://www.predigten.uni-goettingen.de/archiv-5/021225-1.html

    „Sondern „Windeln“ das waren zur Zeit Jesu, was sie heute noch großenteils etwa in Russland sind und als was sie Lukas auch wörtlich bezeichnet: „Binden“ für den ganzen Leib – genauer beschrieben: ein quadratisches Tuch (meist aus Leinen) mit einem 6m langen Wickelband, in das das Neugeborene in früh-jüdischer Zeit während der ersten sieben Tage fest eingewickelt wurde. Erklärt wurde dieser Brauch damit, dass auf diese Weise man die Kinder zugleich anerkannt und sich zu eigen gemacht hat, und dass – so fest und eingebunden – ihre von Schwangerschaft und Geburt krummen Glieder gerichtet würden.“
    Allerdings: Das Kind zum abhalten schnell auszuwickeln ist dann wohl schwierig.

    Ja, ich finde es schön, dass wir uns in vielen wieder dem armen, einfachen Leben annähern und vermeintliche Privilegien aufgeben. Schuhe, Fleisch, teure Klamotten, große Häuser, Kinderzimmer, Kinderbetten, Kinderfläschchen, (Wegwerf)windeln uvm – bald ists ein kleiner Scherz der Menschheitsgeschichte ;).

    1. Liebe Evelin,

      stimmt, die Windeln kommen noch hinzu, Danke!

      Weißt du etwas darüber, seit wann diese Unsitte bei uns (bzw. im nahen Osten) verbreitet ist?

      Würde mich sehr interessieren, was wir von Jesus diesbezüglich annehmen können!

      In Guatemala beispielsweise ist die natürliche Ausscheidungsbeziehung bis heute usus. Hier lernen es erst einige neu. Bei uns konnte nur Antonin, der jüngste, hundertprozentig in diesen Genuss kommen: Er hat niemals eine Windel getragen.

      Ein friedliches neues Jahr euch!

      Benedikt

      1. …ich habe irgendwo gelesen, dass es ein Übersetzungsfehler ist. Nicht Windeln, sondern Binden, also Tücher ;). In Pakistan auf dem Dorf wachsen die Kinder auch windelfrei auf. Die besser Betuchten tragen Windeln und bekommen das Fläschchen :(.

      2. Liebe Nana,

        worauf beziehst du dich mit dem Übersetzungsfehler?

        Ja, Windelfreiheit ist in vielen „unterentwickelten“ Regionen der Welt verbreitet und war es mit Sicherheit auch hier, bevor die Mutter-Kind-Bindung immer schwächer wurde.
        Wollen wir den Dörflern in Pakistan wünschen, dass sie noch möglichst lange nicht betucht werden…

  2. Rohmeo schreibt: Er wurde gekreuzigt, das gehörte aber nicht zu seinem Plan.

    Gibt es überhaupt so etwas wie einen Lebensplan? Ist das Leben nicht ein Spiel des Augenblicks?

    Rohmeo schreibt: Mit Sicherheit war er jedoch „weiter“ als das Gros seiner Mitmenschen.

    Das sehe ich genauso. 🙂 Ich wage sogar zu behaupten, dass es auch in unserer Zeit nur wenige Menschen gibt, die „weiter“ sind wie er.

    fROHe Weihnachten!

    1. Liebe Susanne!

      Aus irgendeinem tieferen Grund machen wir unsere körperliche Erfahrung. Manchmal haben wir eine Ahnung, was dahinter stecken könnte, aber ich meine, keiner kann es genau wissen.
      Jesus wusste eine Menge und ich denke, er hatte den Plan, seine Mitmenschen daran teil haben zu lassen, hatte dabei vielleicht auch die Ahnung, dass das den Tod bedeuten könnte. Jedoch ist er nicht „für uns gestorben“.

      Es bereitet mir übrigens große Freude, gelegentlich in der Bibel zu lesen und an einigen Stellen tief berührt von der Weisheit der Worte zu denken: „Das hat Jesus gesagt“ und an anderen dagegen: „Das ist Blödsinn, das ist hinzugefügt worden“. Jesu Worte sind bei mir einfach die Teile, die ich für weise halte, an denen Gott ein bedingungslos liebender Vater ist, an den sich jeder direkt wenden kann.
      Dazu passt, dass die Hohepriester ihn offenbar nicht gemocht haben und auch später angeblich in seinem Namen quasi identische Machtstrukturen wieder geschaffen wurden, um seine Botschaft zu entschärfen.

      Vielleicht ist es ein Trugbild, das ich mir von Jesus male, wenn ich mir aus der Bibel das herauspicke, was mir gefällt und ihm zuschreibe, den ganzen widersprüchlichen Rest anderen, denen ich unterstelle, seine Botschaft nicht verstanden zu haben oder bekämpfen zu wollen.
      Jedenfalls hilft es mir, „weiter“ zu wachsen, denn es gibt eine unfassbar weise Stimme, die in der Bibel immer wieder spricht. Diese nenne ich einfach „Jesus“.

      Dir noch einen frohen und wenn du magst rohen (seit Julia nicht mehr kocht, „kocht“ sie so unglaublich gut!) zweiten Weihnachtstag und liebe Grüße

      Benedikt

  3. Entweder ist das mit der Futterkrippe genauso wahr wie das mit der Kreuzigung oder aber eben beides Quatsch:

    Nimmt man an, das Jesus nach der Geburt „abgelegt“ wurde, würde das erklären, warum er den Weg der Kreuzigung gegangen ist: Er wurde lieblos behandelt und genauso lieblos hat er sein Leben hier auf Erden zu Ende gebracht.

    Einem Menschen, der 100% in der Liebe lebt, würde meiner Meinung nach nämlich niemals den Weg der Kreuzigung wählen. Denn er würde die kosmischen Gesetze kennen und die über allen Gesetzen stehende allumfassende, bedingungslose Liebe.

    Wenn man also annimmt, dass Jesus nach der Geburt nicht „abgelegt“ wurde, dann muss man auch seine Kreuzigung in Frage stellen. Es kann aber gut sein, dass seine Geschichte gefälscht wurde, um die Menschen glauben zu machen, ihr Schicksal wäre es, so wie er leiden zu müssen. Was ja auch bis heute prima funktioniert. 🙁

    1. Kreuzigungen im römischen Einflussbereich sind historisch verbürgt, das Ablegen von Kindern dagegen ist eine neuere Unsitte. Ich brauche nicht entweder alles glauben oder alles ablehnen.

      M.E. vertritt Jesus nicht die Botschaft, wir sollten, seinem Beispiel folgend, leiden. Er wurde gekreuzigt, das gehörte aber nicht zu seinem Plan, obwohl er liebevoll annehmend sein konnte („Vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun.“)

      Ob er zu hundert Prozent „in der Liebe“ gelebt hat, können wir natürlich bezweifeln. Zumindest ein Zornausbruch ist überliefert. Mit Sicherheit war er jedoch „weiter“ als das Gros seiner Mitmenschen (auch als die heute lebenden), weshalb gerade er zu einer Zeit, als vermutlich kaum ein Baby weggelegt wurde, gerade dabei keine Ausnahme sein dürfte.
      Geliebtwerden von Geburt an als wichtige Voraussetzung für Transzendenz lässt nicht den Umkehrschluss zu, dass fehlende „100 %“ ein Abgelegtwerden belegen.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.