Warum wir keinen Eisenmangel haben

Vorweg: Von den für den Menschen lebenswichtigen Vitalstoffen (Mineralien und Vitamine) ist ein Bruchteil überhaupt erst entdeckt und in seiner Funktion beschrieben, von den vielfachen Wechselwirkungen noch viel weniger. Viel zu vielfältig ist die Natur! Dennoch wird vor allem uns Veganern ständig eine Liste mit ca. 20 Stoffen vorgehalten, zu denen wir Rechnung ablegen sollen, ob sie auch alle in den empfohlenen Mindestmengen in unserer Nahrung vorkommen.

Ich halte dies für lächerlich, denn

  1. …es fehlen mindestens 99 % aller Vitalstoffe auf der Liste.
  2. …das, was ich oben hineinstecke, ist noch lange nicht das, was in meinen Zellen ankommt – das ist individuell sehr verschieden. Alle Normwerte gelten für Normalschlechtköstler.
  3. …der durchschnittliche (mangelernährte!) Fleischesser ist diesem Rechtfertigungsdruck nicht ausgesetzt.
  4. …man kann sich vegan und nicht-vegan auf vielerlei Weise ernähren, Mangelernährung ist auf jede Weise möglich.

Dennoch reißt beim Thema Veganismus die Sorge um die Versorgung mit ausgewählten, gut in teure Kapseln zu packenden Einzelstoffen nicht ab. Die Sorge und das Unwissen werden natürlich eifrig geschürt.

Ich habe eine persönliche Taxonomie über den Aufklärungsgrad medizinischen Personals erstellt, mit einer Skala von 1 bis 3.

  • Stufe 1 (ohne jede Ahnung): „Woher kommen die Proteine?“ (Gehört u.a. von Zahnarzthelferin).
  • Stufe 2 (auch mal was in einem Lobbyheft, z.B. „Ärzteblatt“ gelesen): „Veganer… mit Eisen- und Calciumversorgung wissen Sie Bescheid?!“ (Gehört von einem Amtsarzt).
  • Stufe 3 (immerhin!): „Bis auf Vitamin B12 können Sie ja problemlos alles bekommen.“ (Gehört u.a. von einem Schönheitschirurgen).

Wir bewegen uns mit der Frage nach dem Eisen also auf Stufe 2.
Daher heute zur Beruhigung aller Vollwert-Veganer heute mein Beitrag zum Thema „Eisen“.

Wir haben keinen Eisenmangel, vermutlich, weil

  1. unsere Nahrung mehr als genug Eisen und bei der Eisenaufnahme behilfliches Vitamin C enthält (Wildkräuter, Gartenkräuter, Blattgemüse, rote Beete, Paprika, Kurkuma, rote Beeren, Kürbiskerne, Sesam, Algen, …),
  2. unser gesunder Darm zusammen mit unserem Kauverhalten überdurchschnittlich viel aus der Nahrung herausholen kann und
  3. im Falle eines höheren Bedarfs die Bioverfügbarkeit des allgemein schlechter verwertbaren zweiwertigen Eisens aus der Pflanze erhöht wird.

Das „Zentrum der Gesundheit“ schreibt dazu (http://www.zentrum-der-gesundheit.de/vegetarische-vegane-ernaehrung.html):
„Zu beachten ist, dass die Resorption des in der Nahrung enthaltenen Eisens von zahlreichen Faktoren abhängt, wie z. B. vom Eisenbedarf (je höher der Bedarf, desto besser die Resorption, vom Zustand des Verdauungssystems (z. B. pH-Wert im Darm, Magensäureproduktion u. a.) sowie nicht zuletzt von den übrigen Lebensmitteln. Vitamin-C-reiche Lebensmittel beispielsweise fördern die Eisenaufnahme extrem, während Kaffee, Schwarztee, phosphatreiche Fertigprodukte und Softdrinks sowie calciumreiche Milchprodukte die Eisenresorption hemmen.“

Ratet doch einmal, wie viel Kaffee, Fertigprodukte, Softdrinks und Milchprodukte wir konsumieren!

Eine kleine Anekdote:
Zur Mitte ihrer vierten Schwangerschaft, also Veganerin seit drei Jahren, dabei Stillende seit sechs Jahren, zu der Zeit drei Kinder gleichzeitig, war Julia einmal bei einer Frauenärztin. Nach der langen Autofahrt dorthin, bei großer Hitze durch viele Kurven, war sie etwas blass. Die Gynäkologin hat den Eisenmangel mit einem Blick in Julias Gesicht diagnostiziert – ohne etwas über ihre Ernährungsgewohnheiten zu wissen.
Entsprechend viele Tabletten bekamen wir mit nach Hause. Am nächsten Tag haben wir uns telefonisch nach dem Ergebnis der Blutuntersuchung (der einzigen Untersuchung, die Julia hat durchführen lassen) erkundigt: Der Hb-Wert lag bei 13,5 g/dl, also denkbar weit entfernt von einem Mangel.
Die Tabletten sind im Abfall gelandet – und das Vertrauen in die Fähigkeit, unseren eigenen Gesundheitszustand einzuschätzen, auf einer höheren Stufe.

Vergesst den Mangel.

Oder was meinst du dazu? Hinterlasse gerne einen Kommentar oder teile diesen Beitrag mit deinen Freunden!

Alles Liebe an euch!
Euer Benedikt

2 Replies to “Warum wir keinen Eisenmangel haben”

    1. Interessant, Danke dir Alina!

      Habe ein bisschen bei dir gestöbert. Das passt zu einer aktuellen Rückfrage einer Käuferin unseres Rezeptbuches, die mich auf einen scheinbaren Widerspruch hingewiesen hat: „Ihr sprecht immer von „lebendiger Nahrung“; wenn wir jedoch gekeimte Samen, feucht und und mitten im größten Enzymfeuer, wieder in den Dörrer stecken, war es das doch mit der Lebendigkeit?!“
      Ich konnte nur antworten: „Stimmt, direkt im Keimen sind sie am lebendigsten. Trocken und aktiviert, ohne die Enzyminhibitoren, sind sie dennoch bekömmlicher als aus der Packung. Das erfahren wir deutlich.“
      Nun habe ich mit der Zerstörung der Phytinsäure (das ist einer der Inhibitoren) zusätzlich die höhere Verfügbarkeit mancher Spurenelemente als theoretischen Hintergrund.

      Herzlichen Gruß

      Benedikt

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