„BPA-frei“: Alles klar?

…dann nehmen wir halt was anderes!

Bisphenol A hat einen schlechten Ruf. Und das nicht ohne Grund: Zwar wirkt die Allerweltschemikalie in üblicher Dosis nicht toxisch und ist wohl nach wenigen Stunden im menschlichen Körper vollständig abgebaut – leider wirkt sie jedoch als sog. endokriner Disruptor. BPA wirkt wie eine schwache Version des weiblichen Geschlechtshormons Östrogen, also als Scheinhormon.

Wir können uns das so vorstellen: Vor seinem baldigen Abbau im Organismus gibt jedes aufgenommene BPA-Molekül eine kleine Fehlinformation in das körpereigene Hormonsystem. Der Stoff verschwindet stets wieder, die Folgen der vielen falschen Botschaften bleiben, etwa nachgewiesener Maßen in Form von verfrühter Menarche (1. Periode) bei Mädchen mit steigendem Brustkrebsrisiko und vielem anderen.

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BPA: status quo in Europa

2006 noch hat die efsa (European Food Safety Authority) den TDI (tolerierbare tägliche Aufnahmemenge) auf Basis industriefreundlicher Studien in m.E. skandalöser Weise noch auf 50 µg BPA/kg Körpergewicht heraufgesetzt – zu der Zeit, als kanadische und US-Behörden aufgrund neuer Studien BPA etwa in Babyfläschchen ganz verboten. (Bei der WHO nachzulesen.)

Ende 2014 kam der Umschwung in Europa: Die efsa senkte den TDI deutlich auf 4 µg BPA/kg Körpergewicht und ließ verlauten, unterhalb dieser Grenze sei „kein Gesundheitsrisiko für Verbraucher durch Bisphenol A-Exposition“ zu befürchten.
Eine wissenschattliche Studie von 2014, die zu diesem Zeitpunkt noch unveröffentlicht war, gibt jedoch Anlass zu weiteren Bedenken: BPA könnte sich auch auf das Immunsystem von Föten und Kleinkindern auswirken.

Aus diesem Grund wird von der efsa dieses Jahr auf Antrag der niederländischen Regierung eine Expertengruppe eingerichtet, die eine kritische Neubewertung vornimmt. Nachzulesen hier.

Dass EU-Gremien länger brauchen, um für die Industrie unbequemen Wahrheiten zum Durchbruch zu verhelfen, überrascht inzwischen die Wenigsten. Immerhin können wir feststellen, dass sich mit etwas Verzögerung doch einige wissenschaftliche Erkenntnisse auch in Europa durchsetzen können.

Die Industrie hat reagiert.

Für kritische Verbraucher finden sich in den Regalen und Online-Shops nun viele Gegenstände aus Kunststoff, die – insbesondere wenn sie mit Lebensmitteln oder Kinderhänden in Berührung kommen – mit dem Aufdruck „BPA-frei“ beworben werden. Viele, die die BPA-Diskussion verfolgt hatten, und nicht mehr wussten, womit sie ihre Nahrung zubereiten konnten, atmeten erleichtert auf. Mir persönlich sind mehrere Menschen bekannt, die die Behälter ihrer Mixer oder sogar ihr Dörrgerät entsorgt und durch die baugleiche neue BPA-freie Version des selben Herstellers ersetzt haben.

Für mich war dies der Anlass, weiterzufragen:

Was verwenden die Hersteller denn jetzt stattdessen? Und: Was würde ich als profitorientierter Unternehmer tun, dessen Produkte aufgrund wissenschatlicher Erkenntnisse einen schlechten Ruf erhalten haben?

Klar: Einen Ersatz finden, der kein so mieses Image hat und dann mit meinem plötzlich erwachten Verantwortungsbewusstsein werben.

Den Ersatz gibt es: Ein anderer Stoff aus der Klasse der Bisphenole, Bisphenol S (BPS) funktioniert ebenso.

Der für den Unternehmer wichtige Unterschied zu BPA: Bishpenol S ist in seiner Wirkung auf den menschlichen Organismus kaum erforscht, Risiken sind also praktisch nicht bekannt.

Nun bedeutet mangelnde Datenlage leider nicht automatisch, dass Risiken mit hoher Wahrscheinlichkeit nicht vorhanden wären. Auch BPA wurde Jahrzehnte bedenkenlos verwendet und wird erst jetzt zurückgedrängt, nachdem die Risiken – mit der üblichen Verzögerungstaktik durch die Industrie und ihre Helfer in der Politik – aufgedeckt wurden.

Und tatsächlich deutet sich an, dass BPS sogar noch bedenklicher ist als BPA. In den USA haben derartige Erkenntnisse schon die Mainstream-Presse erreicht: ein CNN-Beitrag vom Februar 2016, der die Ergebnisse einer Studie an der University of California vorstellt, nach denen zusätzlich zur von BPA bekannten Estrogen-Beeinflussung eine Wirkung auf das Schilddrüsen-Hormonsystem von Zebrafisch-Embryonen festgestellt wurde, und zwar sowohl durch BPA als auch durch BPS. Solche Ergebnisse können auf den Menschen durchaus übertragbar sein.

Eine Studie der Calgary Unversität in Kanada bringt Verhaltensauffälligkeiten bei Kindern, wie Aggressivität und Hyperaktivität mit den beiden Bisphenolen in niedriger Dosierung in Verbindung. Die Beobachtungen, wiederum bei Zebrafischen, zeigten, dass sowohl BPA also auch BPS eine deutliche Wirkung auf die Entstehung von Nervenzellen im Hypothalamus hatten, wobei BPS sogar noch stärker wirkte.

Den Teufel mit dem Beelzebub ausgetrieben.

BPA-frei

Was ich damit sagen will:

„BPA-frei“ heißt NICHT: „Dieses Plastik ist unbedenklich.“

Was ihr tun könnt

  • Verzichtet beim Einkauf von Lebensmitteln auf Konservendosen, Alu-Tuben und Tetrapaks: Sie sind innen mit Epoxidharz (enthält BPA und/oder BPS) ausgekleidet. (Für jemanden, der ohnehin lebendige Nahrung bevorzugt, ist das übrigens kein Problem, da die meisten so verpackten Lebensmittel pasteurisiert sind.)
  • Lasst eure Babys auf Naturmaterialien krabbeln und verzichtet mindestens im Kleinkindalter noch auf jede Art Plastikspielzeug. (Das hat auch viele weitere Vorteile.)
  • Noch ein Argument fürs Langzeitstillen: Jede Art Fläschchen, Sauger und Schnuller wird überflüssig.
  • Lasst auch die kleinsten Esser aus Gläsern und Keramikbechern trinken, von echten Tellern essen und Metallbesteck benutzen. Lieber ab und zu Geschirr nachkaufen.
  • Verwendet Naturkosmetik: Bisphenole kommen auch in konventionellen kosmetischen Produkten zum Einsatz.
  • Lasst eure Kinder nicht mit Kassenzetteln, Parkscheinen oder Fahrkarten spielen, auch nicht, wenn „BPA-frei“ draufsteht (denn dann ist meist BPS darin).
  • Wenn ihr (wie wir) Küchengeräte wie Mixer, Saftpressen o.ä. aus Kunststoff verwendet, vermeidet besonders die Erhitzung von säure- und fetthaltigen Nahrungmitteln im Gerät, denn dabei lösen sich unerwünschte Stoffe aus dem Plastik besonders gut im Essen.
    Haltet darüber hinaus die Expositionsdauer gering, füllt also etwa das frisch Gemixte sofort in ein Steingut- oder Glasgefäß um und verwendet Plastikgefäße nicht zur Aufbewahrung von Lebensmitteln.
  • Transparente Plastikbeutel, in denen man trockene Lebensmittel kaufen kann, haben eine ganz andere Kunststoffbasis (PE oder PP): Diese enthalten keine Bisphenole und sind auch ansonsten recht unbedenklich.
  • Bewahrt Ruhe. Ganz schützen kann man sich vor diesen Stoffen ohnehin nicht, sie sind in uns allen längst nachweisbar. Kontrolle ist eine Illusion, also schützen wir uns so gut, wie es in unserer jeweiligen Situation möglich ist, und geben den Rest ans Universum ab.

 

 

4 Replies to “„BPA-frei“: Alles klar?”

  1. Danke für den ausführlichen Bericht! Mir war schon immer mulmig bei dem Label BPA-frei…jetzt weiß ich warum und habe auch noch tolle Tipps von euch bekommen, wie ich mich jetzt intelligent mit dem Thema beschäftigen kann. Super Einsatz! Danke fürs Teilen!

  2. Hallo Julia und Rohmeo,
    tooler Beitrag, danke für’s recherchieren. Wieder was dazu gelernt :-).
    Ihr habt eine sehr schöne Webseite mit interessanten Infos und vor allem ein wunderschönes Familienbild :-). Bin auf euren nächsten Artikel gespannt. LG Ellen

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