Behördenbesuch bei der rohmantischen Familie – Dank dem Internet

Der Preis der Öffentlichkeit

Heute kam unangemeldeter Besuch: Zwei Damen von der örtlichen Bezirkshauptmannschaft, Abteilung Jugendwohlfahrt, erschienen vormittags bei uns. Die Kinder hatten gerade eine Melone verzehrt und warteten auf den grünen Smoothie, die Wohnung war mittelmäßig ordentlich.

Aufmerksam geworden war die Behörde durch einen Hinweis aus Deutschland: Eine Internetnutzerin namens Christine hatte uns wohl über Facebook kennen gelernt, sich eingelesen und – alarmiert durch unsere unkonventionelle Lebensweise mit den Kindern – die Behörden informiert.

Die Damen nahmen bei uns am Wohnzimmertisch Platz und stellten ihre Fragen, während die Kinder um uns herumwuselten.

Es ging um die roh-vegane Ernährung, Langzeitstillen, Gesundheit („Sind Sie krankenversichert?“) und um Impfung. Um den Nicht-Schulbesuch ging es nicht, das sei Sache einer anderen Behörde und hier sei alles in Ordnung.

Wir haben (wenn auch anfangs nervös) selbstbewusst alles wahrheitsgemäß beantwortet. Ganz wichtig war unser Bekenntnis, dass wir bei fast nichts von dem vielen, was wir anders betreiben als der Mainstream, dogmatisch sind. (Auf Wunsch bekommen die Kinder Gekochtes und Tierisches (was jedoch seit Längerem nicht vorkommt)).

Die Ausnahmen (Industriezucker und Fernsehen. Hier sind wir dogmatisch, bei uns gibt es das nicht.) stellten für die Damen kein Problem dar. Dass es keinen Fernseher gibt, hat die eine schon im Gespräch mit den Kindern antizipiert: „Dann haben Sie sicher keinen Fernseher, dafür wäre keine Zeit, oder?“

Die Kinder haben sich selbst ins Gespräch eingebracht, gezeigt, dass sie kontaktfreudig und lebendig sind, aus eigenem Antrieb stolz ihre Kreativleistungen präsentiert, von ihren Interessen und Aktivitäten berichtet, Klimmzüge und Turnereien vorgeführt. (Unsere Älteste hatte die Lage erkannt und sich deshalb besonders engagiert.)
Dann konnten wir unsere Gäste durch die Räume führen, in denen die Kinder üblicherweise spielen, basteln, werkeln, nähen und malen.
Zwischendurch entfuhr der Sozialarbeiterin der Satz: „Es sollte wirklich mehr solche Familien geben.“
Obwohl sie eigentlich längst aufbrechen wollten, haben sich die Damen von unserer Sechsjährigen noch zu einem spontan inszenierten Kasperletheater mit auf die Schnelle gebastelten Eintrittskarten einladen lassen und diesem eine halbe Stunde zugesehen. Ganz zum Schluss durften ihnen die Kindern, nachdem wir Eltern uns schon verabschiedet hatten, die selbstgezimmerte Hütte im Garten zeigen.

Die Conclusio lautete: „Die Kinder haben es gut bei Ihnen, von unserer Seite werden Sie mit Sicherheit keine Schwierigkeiten bekommen. Alles Gute.“

Warum ich euch das erzähle:

Viele Familien sind mir inzwischen bekannt, die mit ihren alternativen Lebensstilen über das Internet eine gewisse Öffentlichkeit erreichen. Die Sorge, bei den Behörden angeschwärzt zu werden, ist bei vielen gegenwärtig, und, wie wir heute gesehen haben, ist diese Sorge durchaus real. Das ist die schlechte Nachricht.

Die gute Nachricht:

Jugendbehördenvertreter sind keine Apparatschiks mit Scheuklappen, die nichts anderes im Sinn haben, als Abweichler auf Linie zu zwingen oder vielleicht sogar glückliche Kinder in lukrative Arrangements mit Pflegefamilien zu befördern. Die zwei Damen, die uns heute beehrt haben, sind herzliche und vernünftige Menschen, die tatsächlich das Wohl unserer Kinder möchten, also im Grunde Gleichgesinnte sind.

Das haben wir erfahren dürfen: Es gibt keinen Grund, sich zu verstecken.

12 Replies to “Behördenbesuch bei der rohmantischen Familie – Dank dem Internet”

  1. i dank eich für de interessante nachricht.machts weida so.
    meha brauch i dazua ned sogn,weil kommentarisch scho ois gschrim woan is.
    an recht an scheena gruaß,
    hellei

  2. Danke für das Teilen eurer tollen Erfahrungen.
    Derzeit gib es in Deutschland leider den Trend
    der Familienteilung. Stichwort: Kinderklau.
    Selbst gut funktionierende Familien werden hier vom Jugendamt
    zerstört. Es kann wirklich jeden treffen!

  3. Grandios gerockt! Ihr habt das erstklassig gelöst und kümmert Euch nicht weiter um „brainwashed Christine“. Ihr Leben scheint so dermaßen unspektakulär zu sein, dass sie mit Ihrer Zeit einfach absolut nichts Positives anzufangen weiß. Armes Menschenkind. Ich freue mich weiter von Euch zu lesen und hoffe, dass ihr das ganze einfach auch unbewertet abhaken könnt und Euch wieder um wirklich kreative Inhalte und Denkanstösse kümmern könnt ;-). Liebe Grüße aus Portugal

    Mia & Konsorten

    1. Liebe Mia und Konsorten!

      Unterstellen wir brainwashed Christine einfach einmal, dass sie wirklich in Sorge um die Gesundheit unserer Kinder war. Und lassen sie damit.

      Ja, wir wollen weitermachen, Neues, vermeintlich Unmögliches entdecken und über das Wunder staunen, wie sich Kinder auch entwickeln können.
      Das ist für diese Phase, vielleicht noch zehn Jahre lang, unser Leben.
      (Danach fangen wir vielleicht auch mit der Altersvorsorge an.)

      Lieben Gruß nach Portugal
      Benedikt

  4. Gut, dass es gut gelaufen ist, aber so eine Anzeige bei Behörden weil die Familie sich roh-vegan ernährt ist das letzte. Eltern, die ihre dickbäuchigen Chips und Fritten futternden Kinder vor dem Fernseher oder der Spielekonsole abgeben werden nicht behelligt. – Toleranz gegenüber Freidenkern und Anderslebenden ist nicht üppig gesät in Deutschland. Macht weiter so – das Beste was Ihr Euren Kindern mitgeben könnt auf dem Weg ins Leben.

    1. Vielen lieben Dank, Sabine.
      So ist es leider, man ist so überzeugt davon, zu wissen, was richtig ist (sagt ja auch der Fernseher), dass Andersdenkende (auch wenn sie sich intensiver befasst haben) nur falsch liegen können. Angst tut das Übrige.

    2. Da gab es mal einen schönen Kommentar in einem rohveganen Blog (weiß leider nicht mehr, welcher) a la „Als ich mich von Fertigpizza ernährte, hat niemand nach meiner Gesundheit gefragt“. So ist es eben. Was alle machen, kann so schlimm schon nicht sein ;).

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