Der Wunsch nach dämpfender Nahrung

In meiner Zivildienstzeit arbeitete ich mit einem Menschen, der mir bei einer Gelegenheit von neuen stechenden Schmerzen im Oberschenkel erzählte – freudestrahlend!

Der Mann hatte sich 20 Jahre zuvor einen kompletten Querschnitt am vierten Halswirbel zugezogen und freute sich nun wie ein Schneekönig darüber, dass er überhaupt etwas im Bein fühlen konnte, entgegen allen medizinischen Prognosen.

Er hat ein ungewohntes Gefühl, dass zunächst als Schmerz dahergekommen ist, begrüßen können, da er wusste, dass es dieses Gefühl natürlicherweise geben durfte.
Wie sieht es aus, wenn neue Gefühle uns erfüllen, von denen wir noch keine Ahnung hatten?

Regelmäßig höre ich von Gästen, die sich für einen Tag auf unsere Ernährung einlassen, oder von anderen, die einen Umstieg auf reine Rohkost versuchen, sinngemäß:

„Irgendetwas fehlt mir bei diesem Essen, ich brauche noch etwas Sättigenderes, Befriedigenderes“ – selbst wenn der Magen bereits voll war.

Ich kann das gut nachempfinden, kenne das sogar schon aus Rohkostzeiten, als ich von der „Irgendwie-Rohkost“ auf Hippocrates-Ernährung umgestellt habe: Das rastlose, irgendwie noch „hungrige“ Herumschleichen mit vollem Bauch, gegen das ich lange versucht war, Fett und Obst zu essen (eine Katastrophe für die Verdauung). Auch Julia hat noch lange die Abendmahlzeit mit einer Menge Nüssen abgeschlossen, nicht aus Hunger, sondern weil sie sonst nicht schlafen konnte.

So war für uns die nicht mehr lebendige Rohkost das, was für andere die Kochkost ist: ein Betäubungsmittel.

Irgendwann ist uns die Einsicht gedämmert, das dieses Unruhegefühl nicht von einem Zuwenig herrührte, sondern von einem Zuviel, einem Zuviel an ungewohnter Energie. Es war einfach ein ungewohntes Gefühl, das wir reflexhaft bekämpfen wollten.

Die meisten von uns sind von klein auf darauf konditioniert, sich mit dämpfender, lebloser Nahrung zu betäuben. Zu fühlen und zuzulassen, was die reine Lebenskraft in richtig frischer Nahrung mit uns anstellt, ist nicht immer leicht.

Ich habe einmal abends mit großem Hunger ausschließlich einen Berg frischer Sprossen gegessen. Nach einer Nacht praktisch ohne Schlaf, aber dem festen Willen mich nicht zu betäuben, war ich den ganzen nächsten Tag über fit – und auf seltsame Weise lebendiger und bewusster. Die Nacht war nicht angenehm, aber erhöhend. Seitdem kann ich die Unruhe als Wachheit wahrnehmen und zusätzliche Wachzeiten für eine intensive innere Praxis nutzen.

Diese Entscheidung steht jedem von uns frei: Wie es die Sprossen vormachen, die wir zu unserem Grundnahrungsmittel erwählen können, dürfen wir uns für beschleunigtes Wachstum entscheiden. Mit allen Gefühlen, die auftauchen mögen!

P.S.: Silke von roh-macht-froh.de hat hier einen Artikel gepostet, in dem sie das gleiche Phänomen beleuchtet, den Hunger bei vollem Bauch. Sie nennt den Wunsch nach dämpfender Nahrung treffend „falschen Hunger“.

8 Gedanken zu „Der Wunsch nach dämpfender Nahrung

  1. Das ist eine interessante Sichtweise!
    Vielen Dank für deinen Artikel.
    Ich ernähre mich jetzt seit 8 Monate rein rohköstlich und habe seit ein paar Wochen abends das Problem mit dem Nüsse (Nussmus, Kokosöl, etc) nach dem Essen essen. Irgendwie das Gefühl, dass ich nicht satt werde. Abgesehen davon ess ich echt große Portionen und meist ein 3-Gänge-Menü (und bin untergewichtig).
    Ich werde ab jetzt mal genauer hinspüren. Bzw. will ich das eh nicht. Ich esse gern früh und geh früh ins Bett. Da brauch ich nix, was meine Nachtruhe zusätzlich stört (zu viel von dem leckeren Mandelpüree z.B. belastet den Darm / die Leber und trocknet mich auch richtiggehend aus).
    Also, danke nochmals und schöne Grüße aus Lübeck
    Ach so, noch eine Frage: bietet ihr auch Kurse an zur H. Ernährung?

    1. Liebe Carmen,

      herzlichen Dank für deine Rückmeldung, darüber freue ich mich sehr!

      Genau, das mit den Nüssen abends kennen wir beide, Julia und ich, gut (den Kindern fällt es viel leichter, mit dem Essen abzuschließen, wenn es genug ist).

      Zum „Untergewicht“: Das habe ich wahrscheinlich nach irgendeiner Tabelle auch (59 kg bei 1,77 cm). Da ich mich fit, gesund und leistungsfähig fühle, stört mich das aber nicht, besonders, seitdem ich die Rohkost sorgfältiger und bewusster betreibe. Ich habe nämlich im Zuge dessen mit Sport angefangen und nehme langsam aber kontinuierlich zu.
      Beim Essen ist weniger tatsächlich oft mehr, wenn ich meinen Darm mit der einen Mahlzeit in Ruhe arbeiten lasse, ohne ihm mit „mehr“ eine ungünstige Kombination aufzudrängen. (Z.B. ist Stärke kombiniert mit Protein oft ein Problem, etwa Getreide mit Nüssen.)

      Auch das restlose Kauen spielt eine Rolle: Lasse ich den ersten Schritt der Verdauung ausfallen, kann sie nicht mehr vollständig stattfinden und die Nahrung wird ineffizient verwertet.

      Nachtruhe: Interessant. Lebloses Essen wie Mandelmus erleichtert bei uns eher das Einschlafen, lässt uns aber auch mehr Schlaf brauchen, belastet definitiv die Verdauung.

      Kurse zur Hippocrates-Ernährung: Bisher sind wir mit den vier unbeschulten Kindern und dem Blog im Aufbau gut ausgelastet. Ein Buch zur praktischen Umsetzung haben wir verfasst. Seminare/Kurse stehen noch aus, hängt von der Entwicklung der Kinder ab.

      Lieben Gruß dir in den Norden

      Rohmeo

      1. Lieber Rohmeo,
        vielen Dank für deine ausführliche Antwort, da kann ich viel für mich mitnehmen.
        Ja, Essensaufnahme ist so viel mehr. Schöner, ruhiger Ort, keine Ablenkung, gründliches Kauen – da kann ich sicher noch mal Einiges verbesser. Auch das ein Weg…
        Und ich probiere das def. mal aus mit weniger pro Mahlzeit (weniger Zutaten – nicht unbedingt die Menge;-)
        Heute war ich auf einem großen Rohkosttreffen. Und habe wieder den „Fehler“ gemacht, von sooo vielem zu probieren. Jetzt geht es mir nicht gut. Naja, mit Wasser und Zeolith wird das wieder. Und vielleicht schaffe ich es nächstes Mal, meine Neugier ein bisschen mehr dem Wohlbefinden unterzuordnen. Noch ein Weg…
        Kombi Protein-KH hab ich selten, glaub ich.
        Ich nehme auch schon wieder langsam zu, allerdings mach ich viel Ausdauersport, aber ich LIEBE das Joggen. Es sind meist die glücklichsten Stunden meiner Woche. Funktionelles Training mach ich auf, aber zu wenig Muskelaufbau. Mal sehen, was ich da noch integrieren kann in diesem Jahr.
        Also danke nochmals und ich bin auf eure nächsten Impulse gespannt.
        Lasst es euch richtig gut gehen, liebe Grüße, Carmen

      2. Liebe Carmen,

        vielen Dank fürs Berichten!

        So verschieden die Wege zur und mit der Rohkost im Detail sind, so ähnlich kommen mir doch die Erfahrungen vor:
        Freude an der Kraft und der Lebendigkeit, dann wieder die „Fehler“, die Gelüste und die körperlichen Folgen … und sooo viel zu beachten. Darunter der Wunsch, einfach einmal bei etwas bleiben zu können, nicht ständig noch etwas verbessern zu wollen, mit der Nahrung „rund“ zu sein.

        Es gab – und gibt, seltener, immer noch – Momente, in denen ich mich ernstlich frage, ob normale Schlechtkost, normales Übergewicht, normale Betäubtheit und normale Gesundheit bis zu den normalen Zivilisationskrankheiten ab ca. 60 und dem normalen frühen Tod um die 80 nicht eine echte Alternative gewesen wären.
        Die Antwort ist aber stets die selbe: Lieber alles in voller Intensität fühlen als es dumpf und bequem haben!

        Herzliche Grüße und alles Liebe

        Rohmeo

      1. Herzlichen Dank, Zuzana! Ich habe letztes Jahr die gleiche Ausbildung wie Ute gemacht:-)
        OK, sie hat definitiv mehr praktische Erfahrung. Aber es ist halt auch eine Frage des eigenen Körpers, der eigene Kompass, was tut mir jetzt gut… Ich lerne jeden Tag dazu (und bin sogar bei einer „Rohkost-Ärztin“ in Behandlung) 🙂

  2. Liebe Rohmantische Familie,

    eure Artikel sind einfach immer toll zum lesen. Vielen Dank dafür.
    Wie ich ja auf Facebook schon geschrieben habe, tauche ich nun in die Welt der Sprossen ein. Und auch ich habe gemerkt, wie gut sie mir tun. Ich esse zwar noch nicht vollkommen Roh, sondern taste mich langsam voran. Der wichtigste Schritt ist geschafft. Ich lasse nun schon seit ca. 4 Wochen Brot, Teigwaren etc. weg und ich fühle mich sehr gut damit.

    Ich freue mich schon jetzt auf euren nächsten Blog. Danke für`s teilen von eurer Erfahrungen. Das ist für mich und schlussendlich auf für meine Familie einen riesigen Schatz. DANKE!

    Alles Liebe
    Denise Tobler

    1. Liebe Denise,

      sei herzlich bedankt für deine so feine Rückmeldung! Es ist so schön, zu wissen, dass das ankommt, was uns wichtig ist.

      Über das Thema Sprossen und ihre Wirkung (und die lebendiger Nahrung überhaupt) werden wir in nächster Zeit noch einiges verlauten lassen.

      Alles Gute dir und deiner Familie!

      Julia und Benedikt

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