Treibt mich Mitgefühl oder Selbstsucht an? – Gedanken eines Suchenden, zu Weihnachten 2018

Zwei politische Ereignisse brachten mich kürzlich aus meinem alltäglichen Gedankentrott (-schrott): Der UN-Klimagipfel in Polen und der Amtsantritt Jair Bolsonaros in Brasilien.
Da dies ein Weihnachtsbrief werden soll, kein politischer Artikel, das Fazit aus beiden Ereignissen in Kürze.

Erstens: Die 200 wichtigsten Klimaschützer der Welt diskutierten zwei Wochen lang, wie die Gesellschaften ihre Kohlenstoffdioxid-Emissionen in den Griff bekommen können. Im Mittelpunkt standen – natürlich – Kohle, Öl und Gas. Während dieser Zeit aßen diese 200 Menschen zwei Wochen lang vornehmlich – Fleisch.
Nachweislich ist die Erzeugung von Nahrungsmitteln tierischer Herkunft der mit Abstand größte menschliche Beitrag zum Klimawandel (und nebenbei Hauptverursacher der meisten weiteren Umweltprobleme). Mit anderen Worten: Jeder, der die Daten dazu kennt und das Verhalten der obersten Klimaschützer sieht, weiß: Von menschlicher Seite wird der Klimawandel nicht verhindert werden. Punkt. Da helfen auch keine Online-Petitionen mehr.

Zweitens: In Brasilien wurde ein brutaler Militarist an die Macht gebracht. Dieser bis dato unbedeutende politische Hinterbänkler, der höchstens durch menschenverachtende Äußerungen aufgefallen war, sagt Linken, Schwarzen, Intellektuellen, Umweltschützern, Homosexuellen, Frauen und ethnischen Minderheiten den Kampf an. Organisiert und finanziert wurde der erfolgreiche WhatsApp-Wahlkampf von Kapitalisten aus den USA. Deren Motiv: billig Gold, Soja, Rindfleisch, Holz und Öl aus dem neuerlich verarmten Land herausziehen zu können.
Ich führe die Ankündigungen, die politischen Verflechtungen und die ersten Maßnahmen der neuen Regierung hier nicht aus, bringe nur die Conclusio: Das Ende der „grünen Lunge“ unseres Planeten ist eingeläutet, dazu das Ende der letzten indigenen Amazonas-Völker. Millionenfache Vertreibung, Folter und Mord stehen bevor.

Nun feiere ich also Weihnachten, in (vor-)christlicher Tradition den Sieg des Lichts über die Dunkelheit, die Geburt des Erlösers, die Wiedergeburt Gottes oder einfach nur die wieder länger werdenden Tage, wie auch immer. Ich feiere mit vier wunderschönen, gesunden Kindern und einer wunderbaren Frau an meiner Seite, habe genügend zu essen (sogar den Luxus, besonders ausgesuchte, unbelastete und natürliche Nahrungsmittel auswählen zu können), habe sauberes Wasser, ein stabiles Haus um mich und eine funktionierende Heizung.

Während sich die Umweltzerstörung unaufhaltsam beschleunigt und Menschenrechte global auf dem Rückzug sind, bewegen sich meine bangsten Fragen zwischen „Wird die Nachbarin wieder anfangen, meine Frau zu stalken?“, „Verpasst mein Kind etwas, wenn wir es bei diesem Projekt fördern, beim jenem aber nicht, obwohl es dafür auch begabt ist?“ und „Werde ich auch eine Altersvorsorge aufbauen können, wenn ich erst mit über 40 richtig für Geld zu arbeiten beginne?“

Während das politische Spektrum in Europa und der Welt zwischen hasserfülltem Rechtsaußen und unrettbar korrupter Normal-Mitte polarisiert, die Demokratie sowohl von rechts als auch von innen heraus abgeschafft wird, versuche ich weiter, vier jungen Leuten einen gesunden Entwicklungsrahmen zu bieten. Auf dass sie auch als Erwachsene empathische, kreative und von innen heraus motivierte Menschen sein können.

Dabei sorge ich mich um Dinge, über die der Großteil der Menschheit nur müde lächeln würde. Auch Zweifel sind Sorgen, echte Luxussorgen, sie wurden von den genannten politischen Ereignissen geweckt:
Wäre es in Anbetracht der globalen Entwicklungen nicht sinnvoller, sich zu fragen, ob unsere Kinder die erworbenen Fähigkeiten in den kommenden Jahrzehnten überhaupt werden brauchen können?
Wie werden die kälter und härter werdenden Gesellschaften mit Menschen wie unseren Kindern umgehen, die tanzen und musizieren, nachdenken und gestalten, vertrauen und fühlen wollen, aber nicht kämpfen?
Wird sich das Leuchten in ihren Augen halten können?
Sollten wir sie nicht lieber in eine berufliche Richtung drängen, ihnen die nötigen Ellbogen „anerziehen“, damit sie sich werden durchsetzen können und zu den wenigen gehören, die sich in Zitadellen verschanzen oder auf den Mars auswandern?

Natürlich nicht. Wir würden die Entfaltung ihrer Wesen opfern, um ihre physische Existenz zu sichern. Und wir würden genau die gesellschaftliche Entwicklung noch beschleunigen, der wir begegnen wollen.

„Wenn ich wüsste, dass morgen die Welt unterginge, würde ich heute noch ein Apfelbäumchen pflanzen“. Das soll Luther gesagt haben. Klingt schön und nachahmenswert, auch wenn Luther selbst kein Vorbild sein kann.
„Sei du selbst die Veränderung, die du dir wünschst für diese Welt“, meinte Gandhi.
In Ordnung, ihr habt mich überzeugt, ich versuche es weiter. Ich opfere meine eigene finanzielle Zukunft, um für die Kinder da zu sein. Denn gesunde Menschen braucht diese Welt.
Nur, ohne Ängste und Zweifel zu leben, will mir bisher nicht gelingen. Dabei wäre weniger Angst für die Welt wahrscheinlich durchaus hilfreich.

So feiere ich Weihnachten im unerhörten Luxus und geplagt von Zweifeln, bisweilen von Angst.

Die Menschheit schreitet voran auf ihrem Weg in die globale Katastrophe. Ich tue dagegen, was ich kann: Ich lebe vegan. Versuche, andere Menschen dafür zu erreichen. Ich kaufe Bio. Ich spende, ich unterschreibe Petitionen. Ich meditiere, um zu verstehen. Um Ruhe zu finden und Vertrauen. Um positiv wirksam bleiben zu können. Die Zweifel bleiben auch.

Auf feinstofflicher Ebene sei der Kampf Gut gegen Böse bereits gewonnen, meinte jüngst ein esoterisch angehauchter Mitmensch. Auch das überzeugt mich nicht angesichts zunehmenden Leids und Zerstörung auf „stofflicher Ebene“.

Manche können das, sich durch spirituelle Praxis an einen Ort des Friedens, des Vertrauens und der Annahme zurückziehen. Mir gelingt das selten. Und auch wenn ich dann im Frieden mit der Welt bin: Ich habe lediglich dafür gesorgt, dass es mir selbst besser geht. Gut, mein unmittelbares Umfeld profitiert auch von einem ruhigeren, annehmenderen Benedikt. Aber die Ohnmacht gegenüber den globalen Problemen bleibt.

Nein, ich habe keine Lösung, nicht mal ein Handlungskonzept. So bin ich halt einfach dankbar. Dankbar, dass es mir und meinen Lieben so gut geht. So unvergleichlich, unverschämt gut. Von der restlichen Welt zu erwarten, sie möge bitte etwas weniger leiden, damit mein Wohlergehen noch ungetrübter ist, wäre dann doch etwas viel.

Und, hey, ein bisschen Demut fühlt sich am Ende gar nicht schlecht an!

Frohe Weihnachten.

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