Beziehung statt Erziehung

ErBeziehung!

Auf unseren Ansatz bei der Erziehung unserer Kinder angesprochen, widerspreche ich reflexartig: „Nein, wir erziehen unsere Kinder gar nicht.“

(Außerdem sind es auch nicht „unsere“ Kinder, sondern die jungen Menschen, die bei uns leben und uns brauchen – aber der Einfachheit halber lasse ich den Begriff stehen und verwende ihn auch selbst gelegentlich.)

„Wie, ihr erzieht eure Kinder nicht?!“

In erziehen steckt das Verb ziehen. Man erzieht jemanden zu etwas hin. Wenn ich also sage, „ich erziehe dich“, dann setzt das voraus, dass ich eine Vorstellung davon habe, wo es mit dir hingehen soll – und da ziehe ich dich hin!

Nun habe ich bei der Zeugung dieser vier Menschen mitgeholfen, dabei sogar ihr Geschlecht vorbestimmt. Aber abgesehen von dieser kleinen Ausnahme hat sich ihr Genom völlig ohne mein Zutun, einzigartig kombiniert.

Auch habe ich in den knapp zwölf Jahren, die sie bei uns sind, vieles entschieden, was zweifellos auf ihre Entwicklung Einfluss hatte, jedoch ist der Teil der von mir bewusst ausgeübten Einflüsse im Vergleich zu dem, was „einfach so“ passiert ist, verschwindend gering.

Um es kurz zu sagen: Ich als Vater habe keine Ahnung, was für Menschen diese Kinder sind. Und noch weniger kann ich mir anmaßen zu wissen, welche Richtung in der Entwicklung für sie „gut“ oder „passend“ wäre. Es ist ihr Leben!

Entsprechendes gilt natürlich auch für die Mutter, aber ich schreibe hier von mir.

Unsere Aufgabe als Eltern ist es, Bedürfnisse zu erfüllen, denn aus der Fülle heraus ist Entfaltung möglich. Nicht ist es unsere Aufgabe, irgendwo hin zu ziehen, denn vielleicht führt der Weg dieser Kinder in eine ganz andere Richtung, vielleicht außerhalb unserer Vorstellungskraft?
Welche Hybris wäre es, mir anzumaßen, die Richtung der Entwicklung eines Menschenlebens vorausplanen zu können! Und welche Tyrannei, meinen Plan für das Leben des anderen mit Gewalt durchzusetzen!
Wie Joseph Chilton Pierce es ausdrückt: „Die Natur fragt jedes Mal [wenn ein Mensch neu entsteht]: ‚Dürfen wir uns dieses Mal entfalten oder müssen wir uns wieder verteidigen?‘“

Jedes Ziehen ist Gewalt, und Gewalterfahrung löst im Gehirn Abwehrmaßnahmen aus, die eine gesunde Entwicklung blockieren. Denn wer gezogen wird, bemüht sich, stehen zu bleiben, und nur wer selbst geht, erreicht ein Ziel. Im Übrigen kann man jemanden nur dorthin ziehen, wo man selbst schon steht.
Ziehen bewirkt also im „Erfolgsfall“ (der Widerstand wird gebrochen) einen evoltutionären Stillstand (denn die Kinder kommen nur so weit wie ihre Eltern), im andern Fall Involution („bevor ich mich ziehen lasse, entwickle ich mich lieber gar nicht mehr!“).

Die interessanten und wunderschönen Erfahrungen zeigen: Je weniger wir Kinder zwingen, desto kooperativer sind sie.
Als ob das gewachsene Vertrauen gegenüber den Eltern, das Wissen „Meine Bedürfnisse werden berücksichtigt!“, es den Kindern ermöglicht, Vorschläge bereitwilliger anzunehmen. Wo Widerstand Erfolg verspricht, ist Widerstand um seiner selbst willen nicht mehr nötig.

Ironischerweise hören wir deshalb oft, beispielsweise beim Opernbesuch, wie „gut erzogen“ und „folgsam“ unsere Kinder seien.

Was das Wissen um diese neurobiologischen Zusammenhänge im ErBeziehungalltag konkret bewirken kann, möchte ich anhand einer aktuellen Begebenheit schildern:

In unseren alten VW-Bus hatte ich einen zusätzlichen Sitz eingebaut, so konnten wir meine Schwiegermutter mit zu einer Einkaufs- und Erledigungstour ins günstigere Nachbarland nehmen. Nach einem langen Tag war das Auto mit sieben Menschen und vielen Kisten und anderen Gegenständen bereits voll beladen.

Auf unserer letzten Station vor Zuhause haben wir für unsere Älteste noch ein gebrauchtes Fahrrad erstanden (über eine Kleinanzeige). Dieses konnte ich noch im mittleren Abteil des Autos vor der hinteren Sitzbank und damit auch vor den Füßen unserer jüngeren, siebenjährigen Tochter unterbringen.
Das wollte sie nicht. Es könne auf ihre Beine kippen. – Also habe ich es festgebunden.
Das Fahrrad könne ihre Strumpfhose verschmutzen. – Also habe ich eine Decke darübergelegt.

Wie Bertrand Stern treffend bemerkt, ist es ein wesentliches Merkmal von Freiheit, „Nein“ sagen zu können. Und unsere Tochter wollte sich gerade in der schwierigsten Situation ihrer Freiheit vergewissern.
Wir waren alle erschöpft und wollten nach Hause, standen mit unserem rostigen Auto in einer vornehmen fremden Wohnsiedlung, und unser Kind schrie, völlig außer sich, dass die Kinder der Nachbarschaft zusammenliefen und die Erwachsenen aus den Fenstern blickten. Meiner Schwiegermutter konnte ich ansehen, dass ihr die Situation höchst unangenehm war (und ich vermutete bei ihr Gedanken aus der „Kleiner-Tyrann“-Schiene).
Aber je größer der Druck auf das Kind, sich zu fügen, desto härter sein Widerstand.

Längst war es zwecklos, die Motive zu erforschen. Weder ihre Beine noch Kleidung waren in Gefahr, das neue alte Fahrrad für die Schwester bedeutete deren zu klein gewordenes, viel schöneres, neueres und lange begehrtes Fahrrad für sie. Daran konnte es also auch nicht liegen. Es war einfach so.

Meine Konditionierung – und mit ihr ein Teil meines Verstandes – sagten mir: „In manchen Situationen muss man sich eben fügen. Es hängen so viele andere Leute mit ihren Bedürfnissen drin, manches geht eben doch nicht. DAS MUSS SIE LERNEN.“ Ich wurde wütend und stand kurz davor, das strampelnde Kind in seinen Sitz zu binden. Aber etwas ließ mich innehalten. Zum Glück.

Die Autofahrt wäre für alle Beteiligten eine Qual geworden und, viel schlimmer, mein Kind hätte den „Kampf verloren“ und hätte gelernt, dass Stärkere sich durchsetzen und Widerstand zwecklos ist. Sie wäre erzogen worden und unsere Beziehung hätte stark gelitten.

Ich sah mir das Gepäck nochmal an, überlegte und sagte dann voller echter Empathie zu meiner Tochter (es dauerte einige Zeit, bis ich sie durch ihr Weinen erreichte): „Möchtest du, dass ich die Kisten hier in der Mitte staple und das Fahrrad in den Kofferraum packe?“

Sie schaute mich zuerst misstrauisch durch ihre Tränen an, dann nickte sie.

Solche Momente der Wiederverbindung sind mit das Schönste und Intensivste, was das Elternsein bringt!

Zwanzig Minuten harte körperliche Arbeit brauchte es, bis ich inklusive Aus- und Einbau der Sitzbank alles umgeladen hatte. Aber es ging, die Gewalt war nicht alternativlos gewesen.
Der Kistenstapel vor ihren Beinen war mit Sicherheit nicht gemütlicher als das Fahrrad, aber darum war es auch nie gegangen. Sie hatte gewonnen, und ich mit ihr.

Auf der Rückfahrt hat sie schon wieder gelacht und geplaudert, der Abend war gerettet. Und entgegen allem, was die Verfechter von „Grenzen setzen!“ prophezeien mögen: Sie ist im Anschluss kein kleiner Tyrann geworden, sondern außergewöhnlich ausgeglichen und kooperativ geblieben und noch mehr geworden.
Gerade dadurch, dass sie sich diese Ausnahme erfolgreich leisten durfte, „ausrasten“ durfte, ohne Gewalt zu erfahren, braucht sie es seltener zu tun.

Neulich fragte mich ein Freund: „Befürchtest du nicht, dass eure Kinder sich in Zukunft schwerlich in Schul- oder Ausbildungssysteme werden fügen können und ihnen nur Nischenberufe bleiben?“

Die Antwort an alle, die es interessiert: Nein, dass befürchte ich nicht. Inzwischen sind alle vier in vielen schulähnlichen Systemen integriert: Tanz- und Musicalschule, Instrumentalunterricht und viele weitere Kurse. Sie sind bei Lehrern und Schülern beliebt, werden aufgrund ihrer anderen Lebensgewohnheiten (kein Smartphone, kein Fernseher, Veganismus, kein Zucker, keine Schule usw.) überhaupt nicht gehänselt, eher bewundert. Der wesentliche Unterschied zur Schule: Sie und die anderen sind freiwillig dort. Und wenn sich unsere Kinder dereinst, nach erfolgreicher Umgehung der Zwangsschule, für eine staatliche Ausbildung entscheiden sollten, werden sie auch dort positive Erfahrungen sammeln können.

Bis dahin helfen wir ihnen, unerzogen zu bleiben!

Literatur zum Thema:

Alfie Kohn, Liebe und Eigenständigkeit

Naomi Aldort, Von der Erziehung zur Einfühlung

Joseph Ch. Pierce, Die magische Welt des Kindes und Aufbruch der Jugend

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Ein Gedanke zu „Beziehung statt Erziehung

  1. Lieber Benedikt,
    danke für die Beschreibung deines „Stress“-Beispieles. Vor allem finde ich es einfach nur unfair, wenn wir die so jungen Menschen mit anstrengenden Aktionen überfordern und zuletzt vielleicht noch mit Vorwürfen überhäufen, wenn sie uns zeigen, „dass es eben reicht“! Und dabei halt auch sehr deutlich werden… 😉
    Ich finde es wunderschön und fein, dass DU es geschafft hast, NICHT auszurasten! Noch dazu wenn du schon den „Druck“ von „außen“ gespürt hast (Schwiegermutter, Anrainer). Hut ab!!

    JA, deinen letzten Absatz kann ich voll unterstreichen! Sie werden IHREN Weg gehen, davon bin ich überzeugt!

    Da du im Anschluss an deinen Beitrag Naomi Aldorts Buch anführst, möchte ich aus aktuellem Anlass gerne daraufhinweisen, dass Naomi am 18. Oktober zu zwei Veranstaltungen in Wien sein wird!
    Die Infos dazu gibt es hier:
    https://freilerner.at/event/tages-workshop-mit-naomi-aldort/
    https://freilerner.at/event/abendvortrag-mit-naomi-aldort/
    Bitte gerne weitersagen!

    Ganz liebe Grüße,
    Heidi

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