Kind im Vertrauen

Heute möchte ich euch Anekdoten von unserem jüngsten Sohn erzählen, weil es mich mit Freude, Staunen und auch Stolz erfüllt.

Ich kenne kein Kind, das sich so wenig fürchtet wie er.

Gerade zweieinhalb Jahre alt, begleitet er mich eines späten Abends in den Keller.

Dieser alte Gewölbekeller liegt ebenerdig auf der gegenüberliegenden Seite des Hofs.

Auf der Außentreppe bekommt er von mir, den die Taschenlampe in seiner Hand blendet, den Hinweis, dass wir das Licht erst im Keller benötigten (der Hof wird von einer schwachen Lampe erhellt), woraufhin er die Lampe löscht und erst im Keller wieder einschaltet.

Im Keller versuche ich, mit einer Rote-Beete-Knolle in der einen und einem Wasserkanister in der anderen Hand, umständlich die zugefallene Tür zu öffnen. Zu meiner völligen Verblüffung schaltet Antonin, der irgendwo hinter mir steht, plötzlich die Taschenlampe aus, wobei er etwas murmelt wie: „…brauchen wir nicht auf dem Hof“. Bis es mir tastend gelingt, einen Finger hinter die Tür zu haken, einen fußbreiten Spalt (und damit etwas Helligkeit) zu erzeugen und sie schließlich ganz auf zu ziehen, wartet er ruhig und ohne jeden Körperkontakt in völliger Dunkelheit. Dann stapft er eifrig an mir vorbei und über den Hof zurück.

Zu einer anderen Gelegenheit zeigt er mir sein Vertrauen und fehlende Höhenangst:

Kind im Vertrauen

In 15 m Höhe

Beim „Baumkronenweg“ ist in ca. 15 m Höhe ein Parcours installiert, auf dem es an Ketten schwankende Plattformen zu überklettern gibt. Einen ansonsten jederzeit möglichen Sturz in die Tiefe verhindert ein dünnes, unscheinbares Drahtnetz.

Ich bin mir nicht sicher, ob das Netz von Antonin überhaupt wahrgenommen wurde. Seine Geschwister haben lediglich erklärt, dass sie diesen Weg nehmen wollten und Antonin hat sich an die Spitze gesetzt. (Ich war die Nachhut, Julia, die das Foto geschossen hat, war ein ganzes Stück voraus.)

Ohne irgendeine Ermutigung von seinen Geschwistern hinter ihm besteigt er hochkonzentriert eine schaukelnde Plattform nach der anderen, ohne sich durch den Abgrund unter ihm stören zu lassen.

 

Die dritte Begebenheit fand an einem Abenteuerspielplatz statt.

Dort ist ein Labyrinth aus Holz errichtet, ein richtiges überdachtes Gebäude mit vielen gleich aussehenden, ziemlich dunklen und verzweigten Gängen, in dem ich mich selbst mehrmals verlaufen habe. Labyrinth

Alle vier Kinder rennen begeistert und wild in diesem Labyrinth herum. Ich stehe außen und höre durch mehrere Wände, wie Antonin heftig fällt und zu weinen beginnt. Bis ich ihn jedoch nach Minuten endlich gefunden habe, hat er sich schon selbstständig aufgerappelt und erwartet mich mit glänzenden Augen, um sich wegen seines schmerzhaften Sturzes trösten zu lassen. Ein Kind im Vertrauen, trotz Dunkelheit, Einsamkeit und Schmerz.

Ich finde das äußerst erstaunlich.

Antonin hat eine natürliche Alleingeburt erfahren, war die ersten Wochen seines Lebens praktisch ununterbrochen im Körperkontakt zu seiner Mutter, durfte nach seinem Rhythmus trinken und ausscheiden (windelfrei – Julia hat sein Ausscheidungsbedürfnis bemerkt und ihn „abgehalten“). Er konnte sich rundum sicher fühlen. Das hat er in dieser Konsequenz seinen Geschwistern voraus – sie haben sich in seinem Alter auch nicht so angstfrei gezeigt.

Hängt es damit zusammen? Genügt das?

Ich kenne keine weiteren Beispiele und frage dich: Kannst du von ähnlichen Erfahrungen berichten? Was glaubst du, wie kann es sein, dass ein Zweijähriger im stockdunklen Keller allein keine Angst hat?

Über lebhaften Austausch freue ich mich!

5 Gedanken zu „Kind im Vertrauen

  1. Danke für euren Erfahrungsbericht. Ich bin der Meinung das ist Typ abhängig. Gerade mit zwei Jahren fehlt Kindern noch die Erfahrung über Gefahren. Wenn dem Kind Angstfreiheit vor gelebt wird, bin Eltern und Geschwistern, dann hat es viele Ängste auch nicht. Unsere Tochter heute 7 hatte nur Angst vor Spinnen,,bis sie in Südafrika mal von einer giftigen Spinne gebissen wurde. Das Vertrauen zu Spinnen musste neu erlernt werden. Genau so wird auch eine gewisse Angst erst im Laufe des Lebens erlernt.

    1. Liebe Soraya,

      Danke für deine Einschätzung.
      Ich bin zurückhaltend, Menschen in „Typen“ einzuordnen. Sicher gibt es Unterschiede, die sich manchmal schon direkt nach der Geburt oder sogar in utero bemerkbar machen. Aber woher kommt das?
      Eine genetische Determination?
      Das glaube ich kaum!
      Sind es nicht vielmehr die Auswirkungen der Erfahrungen der Mutter während der Schwangerschaft? Ihre Gefühlslage, ihre Erlebnisse, ihre Ernährung? Oder der Verlauf der Geburt? Oder vielleicht schon die Energie bei der Zeugung? (Dazu interessante Gedanken in diesem Buch.)

      Was ich sagen will: Alles, was wir tun, hat eine Wirkung, auch auf unsere Kinder. Und, wie du schreibst, eine Angst „wird erst erlernt“ – auch schon der „ängstliche Typ“. Möglicherweise aber schon ganz zu Beginn des Lebens.
      Daher mein Bericht mit der Frage, ob Angst (nicht überlebenswichtige respektvolle Zurückhaltung) nicht vielleicht grundsätzlich auf irgendeine Weise „anerzogen“ und damit eigentlich unnatürlich ist.

      Lustig, dass du die Spinnen erwähnst. Gerade vor kurzem habe ich interessante Verhaltensweise damit beobachten können und bei Facebook geteilt. Da war bei den Großen überhaupt keine Angst (sie wissen von mir, dass Spinnen hierzulande harmlos sind), aber respektvolle neugierige Zurückhaltung bei Antonin.

  2. Ich habe vier Kinder, alle getragen, zu Hause geboren, Familienbett usw. Unser erstes Kind ist ein ruhiger, friedlicher Junge. Wir waren der Meinung, das liegt seinem bedürfnisorientierten Aufwachsen. Seine Schwester, 3 Jahre jünger, dagegen war ein Dschungelkind, nichts war zu hoch, Angst ein Fremdwort. Nach dem Abi war sie 10 Wochen allein.in Osteuropa mit dem Rad, hat nachts allein im Wald die Wölfe heulen hören. Mein drittes Kind ist ein Junge, unglaublich selbstsicher ist und sich gerne mit seinen Freunden rauft. Meine Kleinste, jetzt 3, ist ein Sonnenschein, sehr emphatisch
    So dass sie traurige Geschichten sehr mitnehmen. Doch sie hat von allen das ausgeglichenste Temperament. Vier Kinder, ähnliche Wege und doch sind sie grundverschieden. Ich glaube, AP schafft nur die Vorraussetzung, das Kinder ihr eigentliches Wesen leben können. Es gibt zurückhaltende Kinder und es gibt wagemutige Kinder. Alles okay. Hat alles seinen Sinn. Unter ungünstigen Bedingungen wird dann aus dem zurückhaltenden ein schüchternes und aus dem lebhaften ein aggressives Kind. Wir können unsere Kinder nicht verändern, nur wie Blumen das geben, was sie brauchen zum Blühen, jedes anders und doch schön. Liebe Grüße Dagmar

    1. Liebe Dagmar,

      Danke für deinen wunderschönen Bericht!
      Ich bin voller Freude, dass es deine Familie gibt – obwohl ich euch überhaupt nicht kenne.

      Antonin ist sicher kein Draufgänger, er kann sehr wohl vorsichtig und zurückhaltend sein.
      Als seine Geschwister kürzlich mit eine großen Winkelspinne gekuschelt haben, hat er interessiert zugesehen, hat aber das Angebot, sie auch einmal auf die Hand zu bekommen, ruhig und freundlich abgelehnt. Bevor ein ein Wildkraut isst, das er nicht ganz sicher kennt, fragt er nach. Brennnesseln rollt er lange zwischen seinen kleinen Fingern, damit sie ihn nicht am Mund brennen. Barfuß im Gras möchte er getragen werden. Nähert sich ein schwarz-gelbes Insekt, fragt er nach, und wenn es eine Wespe ist, hält er still und bittet, sie zu entfernen. Usw. usf.
      Dabei reagiert er jedoch nie panisch und er zeigt einfach keine Angst.

      Ich meine, Zurückhaltung ist natürlich. Wie du schreibst, einige Kinder haben weniger, andere mehr. Das ist ihr Wesen.
      Angst ist jedoch etwas anderes als Zurückhaltung. Auch aggressive Menschen sind meist voller Angst.
      Gelingt es uns, günstige Bedingungen für unsere Kinder zu schaffen, steigt die Chance, dass Angst sie nicht am Blühen hindert.

      Wie Joseph Chilton Pearce es ausdrückt: „Die Natur fragt jedes Mal [wenn ein Kind entsteht]: ‚Können wir uns jetzt entfalten oder müssen wir uns wieder verteidigen?'“

      Einen herzlichen Gruß

      Benedikt

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